Kanada – Warum? Was? Wie das denn jetzt?

Einmal Ausland, immer Ausland

Wenn ich auf die letzten vier Jahre zurückblicke, ist ziemlich viel in meinem Leben passiert: Nach dem Abitur ging es in die USA in das wunderschöne San Francisco, um als Au Pair für zwei Jahre zu leben und arbeiten. An das Ende der Welt zu ziehen war der Startschuss meiner immer wachsenden Neugier, mehr von der Welt zu sehen und zu erleben.
Zurück in meiner Heimatstadt Berlin entschied ich mich gegen ein Studium in den Niederlanden und für den Bachelor in Medien- und Wirtschaftspsychologie.
Wochenendtrips, meine erste eigene Backpacking-Tour durch die Alpen, Festivals – ich war viel unterwegs, doch merkte schnell, dass ich in anderen Ländern noch mehr lerne und aufgeschlossener für Neues bin. Es musste ein Plan her!
So ergatterte ich mir einen Erasmusplatz für ein Auslandssemester in Amsterdam, wo ich von Februar bis Juli 2017 das niederländische Leben kennenlernen konnte. Und wieder stand ich am Flughafen, verabschiedete mich von meinen Eltern, Freunden und begrüßte ein neues Leben.

Im vierten Semester stand das Pflichtpraktikum vor der Tür. Ich wäre nicht ich, wenn ich mir da nicht auch was Tolles überlegt hätte, oder? Nach einigen Bewerbungen und Interviews in Amsterdam, Berlin, München, Hamburg, Wien etc. hatte mich noch nichts richtig überwältigt. Wenn ich schon den ganzen Tag bei schlechter Bezahlung am Schreibtisch sitze, möchte ich wenigstens mit Herz und Seele dabei sein.

Das Glück der Erde, liegt auf dem Rücken der Pferde

Nach langem Überlegen folgte ich einer spontanen Idee und schrieb einen Dressurstall in Ontario, Kanada an. Auf der Online-Jobplattform yardandgroom.com sah eine Anzeige, dass diese ‚Working Students’ suchten, also junge Reiter, die auf der Farm mithalfen und eine Karriere im Pferdesport anstrebten. Und da war mein Herz war gepackt: Pferde? Reiten? Jeden Tag? Ja bitte! Ich erinnerte mich, nach dem Abitur eigentlich auf einer Farm arbeiten zu wollen als Alternative zum Au Pair sein, verschob es aber auf einen späteren Lebensabschnitt. Diese Möglichkeit wollte ich nun nutzen – ich hatte ja Zeit.

Ein Skype-Interview wurde vereinbart und schnell war klar: das wäre so verrückt, das muss ich machen. Neben dem Stallmanagement, der alltäglichen Arbeit und Reiten wäre ich auch für die PR, Marketing und der Website der Farm verantwortlich. Schließlich studiere ich ja Medien/ Business Psychologie und nicht Agrarwissenschaften.

Meine Uni bewilligte das Praktikum, der Vertrag wurde unterschrieben und nun hieß es „nur noch“ sich ums Visum zu kümmern.

Wenn da nicht diese Visa-Sache wäre…

Natürlich ging das alles super schnell und einfach, denn warum sollte so ein Papierkram auch schwierig sein (*Ironie*)? Zuerst bewarb ich mich für das co-op Internship Visa und stieg dann aus organisatorischen Gründen auf das Working Holiday Visa um. Auf der Kanadischen Website kann sich als Kandidat für die „International Expericence“ vorstellen und kommt in einen Pool, aus dem das System Kandidaten zieht und Einladungen ausschickt, damit du dich bewerben kannst. Diese Bewerbung wird dann nochmal gecheckt und angenommen/ abgelehnt.
Ende Juni packte man mich also in den Pool mit 600 anderen Leuten. Und nun hieß es warten, warten, warten.

Mitte Juli zog ich aus Amsterdam zurück nach Berlin, doch hatte noch keine Einladung bekommen, mich für das Visa bewerben zu dürfen. Es waren so viele Kandidaten im Pool und nur wenig auszustellende Visa. Nebenbei schaute ich mich nach Alternativen um, doch je mehr ich dem so tollen Marketing Job von 9-17 Uhr entgegenkam, desto mehr wollte ich nach Kanada. Ich wollte meinen Körper bewegen, Englisch sprechen, Reisen, mit Pferden arbeiten und nicht am Schreibtisch sitzen für 2,50 Euro die Stunde.

Als ich die E-Mail bekam, dass ich als Kandidat ausgelost wurde, machte mein Herz ein Luftsprung. Das Abenteuer Kanada kam ein Schritt näher!
Alle Bewerbungsunterlagen wurden ausgefüllt, Passbilder gemacht, Führungszeugnis beantragt, Gebühren bezahlt etc. und die Bewerbung abgeschickt. Nun hieß es wieder warten und hoffen. Hoffen, dass mein Antrag angenommen wird. Und zwar schnell.
Denn es war schon Anfang August – ich wollte eigentlich schon in Kanada sein.

Nach zwei Wochen landete dann eine Mail in meinem Account. Mein Herz raste, mein Kopf war leer: der alles entscheidende Moment. Ihr wisst wie es ausging: meine Bewerbung wurde angenommen! Das Abenteuer Kanada konnte starten. Yey!

Noch am gleichen Tag kündigte ich meinen Job, lehnte alle anderen Praktika-Zusagen ab, sagte Familien und Freunden Bescheid und suchte mir einen Flug. Jetzt musste es schnell gehen, denn am nächsten Morgen ging es für mich auf ein Festival ohne jeglichen Internetempfang.
Nach dem Packen buchte ich gegen 1 Uhr nachts dann für den 30. August meine Tickets. Ein Flug mit Condor von Frankfurt am Main nach Toronto und ein Zug Ticket von Berlin nach Frankfurt.
Geht das alles zu schnell? Schon in 2 Wochen sollte der Spaß losgehen? War das ein guter Zeitpunkt das zu entscheiden? Es ist mitten in der Nacht, morgen ging es auf ein viertägige Festival in Thüringen, das Wochenende danach war mit einem Kurztrip nach Amsterdam verplant und dann sollte es am Mittwoch nach Toronto gehen für unbestimmte Zeit?
Joa, kann man schon mal machen. Meine Eltern hielten mich eh schon für verrückt.

Vorbereitung und Abflug

Die letzten paar Tage vergingen wie im Flug und auf einmal war es der Abend vor der Abreise. Großartig vorbereitet hatte ich nichts, noch nicht mal fertig gepackt, als alle meine Freunde plötzlich bei mir im Garten standen und mich mit einer Abschiedsfeier überraschten. So konnte ich mit dem schönsten Gefühl der Welt gehen. (Hier ein herzliches ‚Tut mir Leid’ an meine Mutter, da ich durch die Überraschung mein Zimmer nicht 100%ig sauber verlassen konnte.)

Fünf Uhr morgens am Berliner Hauptbahnhof: Julia und Muth stehen am Gleis. Ein großer Koffer in der einen Hand, ein überfüllter Rucksack in der Anderen. Hatte ich an alles gedacht? Ich wurde am gestrigen Abend beim Packen ja aus meinem Plan geworfen, um mit meinen Freunden anzustoßen. Jetzt wäre es eh zu spät.
Mit tausend Gefühlen stieg ich in den Zug und verließ zum Sonnenaufgang meine geliebte Hauptstadt.
In Frankfurt lief alles wie geplant und auch der Flug war angenehm und verging normal schnell (Neun Stunden bleiben Neun Stunden).

Eine Ankunft in Kanada, die alles rausriss

Müde, erschöpft und aufgeregt kam ich in Toronto Pearcon International Airport an und kämpfte mich durch die Immigration. Zwei Stunden stand ich an, um mein Visum ausgehändigt zu bekommen, obwohl nur eine Handvoll Leute vor mir standen. Die Officers hatten wohl besseres zu tun (quatschen, so langsam wie möglich Sachen in den Computer tippen, in die Luft starren). Die Mitarbeiter waren vollkommen überarbeitet, unfreundlich und total ausgelaugt. Wer weiß wie lange die Schichten hier sind. Ich wollte auf jeden Fall so schnell wie mögliche weiter, meinen Koffer holen, denn man wartete schon auf mich.

Man ließ uns leider einfach stehen. Keiner kam voran, keiner wollte aber auch etwas sagen oder fragen, weil das überhaupt nicht gut ankam. Augen zu und durch hieß es wohl. Nach gefühlten tausend Jahren durfte ich an den Schalter und übergab meine Dokumente. Zwei Minuten später übergab man mir meine Arbeitserlaubnis und ich konnte in das Land eintreten. Das war einfach.

Nun hieß es Koffer abholen. Nach zweieinhalb Stunden nach der Landung war unser Gepäckband natürlich schon geschlossen. Niemand konnte mir sagen, wo ich genau hin sollte. „Einfach in der Halle suchen“, hieß es. Nach fast 40 Stunden ohne Schlaf kämpfte ich mich also durch die Menschen in der Toronto-Flughafen-Gepäckhalle und fand meinen heiligen Koffer alleine herumstehend zwischen den Bändern. Zum Glück war der groß und schwarz und hatte nichts an ihm, dass ich ihn schnell wiederfinden konnte.
Unsicher, müde und aufgeregt fragte ich mich, warum mein Abenteuer Kanada so anfangen musste: war das wirklich die richtige Entscheidung hierher zu kommen?
Ich ließ meine negativen, übermüdeten Gedanken hinter mir und machte mich auf den Weg zur Ankunftshalle.

Die nächste Herausforderung stand vor der Tür: es hieß einen mittelgroßen Mann mit Bart und kariertem Shirt suchen. Jim, mein neuer ‚Hostdad’ sollte mich abholen – ein Bild von ihm hab ich noch nie gesehen.
‚Jo, das wird doch einfach’, dachte ich mir und streunerte also energiegeladen durch die Menschenmassen, konnte aber niemanden desgleichen finden.
Ich zückte also mein Handy und rief eine Nummer an, die meine neue Chefin, Debbie, mir gesendet hatte. Sie ging ran und zum ersten Mal nach 3 Monaten telefonierte ich wieder mit ihr. Sie sagte, dass Jim schon seit 17 Uhr am Flughafen auf mich wartete und er wahrscheinlich irgendwo ein Schläfchen machte. Sie würde ihn kontaktieren und mir dann Beschied geben. Ok. Keine weiteren Gedanken dazu.

Ein paar Minuten später rief sie mich allerdings schon zurück und erklärte mir Jims Standort, der etwa 20m entfernt von mir stand. Mit meinen Unterlagen unter dem Arm geklemmt, dem Telefon in der einen, meinem Koffer in der anderen Hand hinkte ich los auf Jim zu und wir begrüßten uns freundlich.
Auf, auf, auf, zum Auto und in den Toronto Abendverkehr den fünfspurigen Highway runter. Es hieß raus aus der Stadt, rein ins Land!

Es war dunkel als wir in Campbellville, Ontario ankamen und sofort als ich Ausstieg bemerkte ich die frische Luft und die das laute Zirpen der Grillen. Oh ja, ich bin auf dem Land. Der erste Weg ging direkt in den Stall, wo Debbie gerade ein Pferd longierte.
Der erste Eindruck war gut, allerdings konnte ich auch nichts mehr richtig aufnehmen. Ich war zu erschöpft. Jim und Debbie gaben mir noch eine Führung durch den Stall und stellten mir jedes Pferd und dessen Lebensgeschichte vor. Das konnte ich natürlich alles behalten. Man waren das große Tiere hier!

Gepäck ausladen und ab ins Bett hieß es erstmal für mich, bevor mein Körper komplett aufhören sollte zu funktionieren.

Die nächsten drei Tage hieß es alles und jeden erstmal kennenlernen, ein Gefühl für die Tiere bekommen und auf den Jetlag klarkommen.
Schnell hatte ich Schmusekatzen in meinem Arm, und Hunde wollten ohne Limit von mir gestreichelt werden.
Das war es also. Das Abenteuer Pferdefarm Kanada konnte starten!

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Pferd und Flagge, © Julia Gill

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