Amsterdam Erasmus

Erasmus Erfahrungsbericht

Vorbereitung und Unterkunft

Im Mai 2015 besuchte ich die Niederlande das erste Mal, mit dem Hintergrund sich Universitäten und Hochschulen für einen möglichen Studiengang anzuschauen. Auch wenn ein vollständiger Bachelor in Holland nicht das richtige für mich war, konnte ich mir vorstellen, irgendwann mal in Amsterdam oder Den Haag für eine gewisse Zeit zu leben. Die Niederlande als Land der Fahrräder und des Käses zog mich schon länger in den Bann und so war ich mehr als glücklich im November 2016 das Erasmus Stipendium an der HMKW zu bekommen. Zum Sommersemester 2017 durfte ich also mit meiner Kommilitonin Nina in Amsterdam studieren.

Die Verträge wurden fertig gemacht, eine Wohnung gesucht und der Umzug geplant. Doch gerade die Wohnungssuche verlief schwieriger als gedacht und Nina und ich mussten den Traum von einer gemeinsamen Zwei-Zimmer Wohnung schnell aufgeben. Der Markt in Amsterdam ist, besonders für Studierende, eine Katastrophe und es ist Gang und Gebe für ein 10 m² Zimmer 700€ auszugeben. Im Januar fand Nina ein Zimmer in einer privaten Wohnung im Vorort Bijlmer und ich entschloss mich, es in einem Studentenwohnheim zu probieren.

Obwohl ich eigentlich in einem typischen Amsterdam-Haus in der Stadt wohnen wollte, musste ich mir eine günstigere Option suchen. So bekam ich eine 23 m² Wohnung im Studentenwohnheim ‚Fraijlemaborg’ in Amsterdam Zuidoost für 560 Euro im Monat inklusive Strom und Internet, fünf Minuten von Nina entfernt.

Und obwohl das Haus etwa 25 Minuten mit dem Fahrrad von der Innenstadt entfernt war, fühlte ich mich sau wohl. Das Studentenwohnheim bestand aus etwa 150 Wohnungen und war sehr modern und typisch niederländisch eingerichtet. Hier lebten nur internationale Studenten, sodass es mir möglich war, Freunde aus der ganzen Welt zu machen. Der Gemeinschaftsraum wurde oft zum Kicker oder Tischtennis spielen, Filme gucken oder Hausparties genutzt.

Studium

Nix mit Semesterferien in diesem Jahr – am Mittwoch schrieb ich noch die Statistik Klausur, Donnerstag flog ich nach Amsterdam und am Montag fing schon das Studium an meiner neuen Uni an.
Während Nina den Minor ‚Positive Psychology’ belegte, hatte ich es mit Mühe geschafft, noch einen letzten Platz in meinen gewünschten Minor ‚Global Trendwatching’ zu belegen. Hier konnte ich meine Erfahrungen aus meinem Werkstudentenjob in einem Berliner Markt- und Trendforschungsinstitut erweitern.

Ein Minor ist ein zusammenhängendes Studienprogramm über ein Semester, dass sich mit verschiedenen Kursen auf ein Thema fokussiert. Mein Programm spezialisierte sich darauf, die Studenten zu sogenannten ‚Trendexperten’ auszubilden.
Es ging für uns also darum wichtige globale und lokale Entwicklungen und Bewegungen in Zukunftsvisionen umzuformen, da diese ein Startpunkt für innovative, kreative und wirtschaftliche Möglichkeiten sein können. Trendexperten zeigen Organisationen wie sie mit ihren Kunden besser in Kontakt treten können, decken neue Zielgruppen auf und entwickeln Ideen für innovative Strategien, Produkte, Services und Kommunikationskampagnen.

Das Studienprogramm verlief, anders als in Deutschland, auf 2 x 10 Wochen. Der erste Studientag war sehr aufregend und ich war besonders gespannt, all die neuen Leute kennenzulernen, mit denen ich in der nächsten Zeit zusammenarbeiten würde. In den Introduction-Days ging es darum, uns alle besser kennenzulernen. Dazu haben die Professoren viele Exkursionen organisiert, damit die internationalen Studenten auch die Stadt kennenlernen konnten. So ging es zu Führungen und Diskussionsrunden in das Amsterdam Fotografie Museum, wir sprachen mit dem CEO der ‚Foodhallen’ und besuchten das größte Start-up Gebäudekomplex Europas ‚B-Amsterdam’.
Jeder einzelne Student im Minor hatte seine eigene Geschichte und seine ganz eigene Vision und Meinung. Die Beziehungen zu den Professoren waren sehr familiär, man sprach sich mit Vornamen an und konnte mit jeder Kleinigkeit zu ihnen kommen. So entwickelten sich die Professoren eher zu Coaches und Freunden, mit denen man im Unterricht auch gerne mal Karaoke sang, Ted-Talks anschaute und über das Leben philosophierte.

Das Studium in den Niederlanden war sehr anders als das in Deutschland. Während ich an der HMKW viel Theorie und weniger Gruppenarbeit hatte, waren die Vorlesungen in Amsterdam sehr locker und spontan von den Professoren initiiert. In den Vorlesungen wurde eher wenig Theorie gemacht oder etwas ganz anderes behandelt, während wir selbstständig nebenbei in zugeteilten Gruppen an unseren Projekten arbeiten mussten.

Der Minor war definitiv Praxisbelastet und wir arbeiteten viel mit Kunden zusammen, wie die niederländische Supermarktkette Albert Heijn, die online Plattform trendwatching.com, sowie Volkswagen und McDonalds um Konzepte und Kampagnen zu entwickeln.

Das Ausmaß an Arbeit neben den Vorlesungen war oft überwältigend und obwohl die Vorlesungen entspannt waren, wurden die Standards im Bereich Inhalt, Design etc. in der Ausarbeitung der Projekte sehr hoch gesetzt. Bewertet wurde unter anderem streng, sodass es zu viel Druck kam, das Bestmögliche zu präsentieren. Doch genau diese Art von Unwohlsein und Frustration beim eigenständigen Lernen führte zu wahnsinnig guten Ideen und einem ‚Out of the Box Thinking’.

Im ersten Block, den ersten 10 Wochen, lernten wir verschiedene Tools, wie Trend- Experten forschen und untersuchten von uns selbst erwählte Trends. Ich lernte Datenkollektionen zu meinem Thema ‚Upcycled Interior’ anzufertigen, kam mit Innovationen wie VR-Supermärkten in 2025 auf oder lernte, wie man sein ‚Personal Brand Essay’ schreibt.

Im April ging für alle Studies und Professoren für eine Woche nach Berlin, um uns mit Volkswagen zu treffen. Als echte Berlinerin war es toll nicht nur meinen neuen Freunden meine Stadt zeigen zu können, sondern auch den Professoren bei der Organisation behilflich zu sein. Neben Volkswagen besuchten wir auch weitere Startups wie Iconmobile in Berlin Mitte, eine Fotoaustellung im c/o Berlin oder aßen im Clärchens Ballhaus.

Im zweiten Block des Minors ging es darum, die erlernten Tools so umzusetzen, um für Volkswagen Personas zu erstellen und Innovationen und Ad Kampagnen zu einem bestimmten Trend auszuarbeiten. Unsere Gruppe bekam den Trend ‚Honest Brand Transparency’ und ich freute mich, unsere Ergebnisse bei der Endpräsentation den Professoren und dem Kunden vorstellen zu dürfen.

Rückblickend bin ich sehr zufrieden mit dem Minor und meinem Studium an der HVA. Ich habe viele neue Arbeits- und Denkweisen gelernt, sowie meinen beruflichen Horizont erweitert. Ich schätze die Niederländer sehr als ehrliche und direkte Menschen, die mich mit ihrem innovativen Denken und Unternehmergeist angesteckt haben.

Alltag/Freizeit

Obwohl die Universität sehr viel Zeit gekostet hat, konnte ich Amsterdam als Stadt voll und ganz kennenlernen. Da ich mein Fahrrad aus Berlin mitgenommen hatte, musste ich mir hier kein Neues kaufen und konnte in den ersten Tagen gleich alles erkunden. Öffentliche Verkehrsmittel sind gut ausgebaut, aber auch recht teuer und so wurde jeder Weg, bei jedem Wetter mit dem Fahrrad zurückgelegt.

Ich meldete mich früh in einem Crossfit-Studio um die Ecke an, wo ich etwa drei mal die Woche trainierte, meldete mich bei einem Pole Dancing Kurs an der Uni, sowie in einer privaten Tanzschule an und probierte Reiten in der Holländischen Manege aus. Natürlich traf ich mich auch mit neu gewonnen Freunden, um Cafés und Restaurants in der Stadt auszuprobieren. Oft saßen wir auch einfach nur an der Gracht und bewunderten Amsterdam als Stadt mit seiner ganz einzigartige Atmosphäre.

Später im Semester mieteten wir uns öfter ein Boot und fuhren mit Musik und Wein durch die Kanäle. Ich war überrascht, dass Coffeeshops bei den Einheimischen eher verpönt waren und nur Touristen diese nutzen.
Ich kaufte mir die Amsterdam Museum Card für 60 €, die es mir erlaubte, in alle Museen in den Niederlanden für ein Jahr kostenlos zu erkunden – so konnte der Museum- Marathon starten!

In den Niederlanden umhergereist bin ich eigentlich nicht, denn ich wollte so viel Zeit wie möglich in der Stadt verbringen. Und während am Anfang Google Maps mein treuer Begleiter war, kenne ich die Stadt nun in und auswendig.

Fazit

Wenn der Abschied immer näher rückt und du ganz und gar nicht willst, dass sich irgendwas ändert, dann weißt du, dass das Semester ein voller Erfolg war. Rückblickend war meine Zeit in Amsterdam einfach nur wunderschön – ich habe viele neue Freunde gewonnen, bin über mich hinaus gewachsen und habe definitiv ein neues Zuhause gefunden. Mit ziemlicher Sicherheit werde ich bald zurückkommen.

       

No Comments

Leave a Reply